Forschun uni hh 1/2002 17 Leibniz-Preis für Thomas Hengartner Der angesehenste deutsche Wissenschaftspreis, der Gottfried Wil - helm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), geht in diesem Jahr an Professor Dr. Thomas Hengartner vom Institut für Volkskunde unserer Universität. Unter den zwölf Preisträgerinnen und Preisträgern sind im Jahr 2002 nur zwei Geisteswissenschaftler. Der Leibniz-Preis ist in den Sozial- und Geisteswissenschaften mit ei - ner Summe von rund 750.000 Euro verbunden. Das Geld steht für ei - nen Zeitraum von fünf Jahren den Preisträgern für wissenschaftliche Projekte zur freien Verfügung. Die führende Organisation der Wissen - schaft zeichnet nach dem Kunsthistoriker Professor Dr. Martin Warn- ke (1991) also wiederum einen Hochschullehrer aus dem Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde aus. Das zeigt, welches große Po - tential in den Hamburger Kulturwissenschaften liegt. Und es beweist außerdem aufs Neue, dass es an der Universität Hamburg gerade auch die sogenannten „kleinen Fächer“ sind, die durch exzellente wissenschaftliche Leistungen auf sich aufmerksam machen. Der Schweizer Thomas Hengartner (geb. 1960) kam 1996 aus Bern ans Hamburger Volkskunde Institut. Als Exponent einer modernen Volkskunde geht es ihm um die Alltagskultur der europäischen Bevölkerung in der Ge - genwart und in der jüngeren Vergan - genheit. Die Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Forschungsgebiet der Alltagskul - tur liegen darin, dass dabei etwas er - forscht werden soll, was allen Beteilig - ten als selbstverständlich erscheint, z. B. wenn es um Fragen nach den kul - turellen Mustern geht, die uns helfen, unsere Wohnungen einzurichten und zu bewohnen, oder um Fragen des kulturellen Kleidungs- und Ernäh - rungsverhaltens. Es geht in der Volks - kunde aber auch um die Nutzung der Massenmedien und des Gebrauchs der Technik im täglichen Leben und in der Lebensgeschichte. Diese und ver - gleichbare Prozesse und Tätigkeiten sind Teil unserer Kultur, mit den damit verbundenen individuellen Absichten unterliegen sie also stets überindividu - ell gültigen Mustern und Bewusst - seinsvorgaben. Die Intentionen der DFG gehen ge - genwärtig dahin, mit dieser Ehrung ge - rade „jüngere“ Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für herausragen - de Leistungen auszuzeichnen und ih - nen die finanziellen Voraussetzungen zum Ausbau bestehender und der Auf - nahme neuer Forschungsaktivitäten zu schaffen. Thomas Hengartner ist wegen seiner Forschungsleistungen und seiner die Wissenschaft vermit - telnden öffentlichen Aktivitäten geehrt worden. Seine an der Universität Bern mit dem Fakultätspreis ausgezeichnete Dissertation war eine akribische Unter - suchung des religiösen Bewusstseins und religiöser Gruppenbeziehungen in pietistischen Milieus der Schweiz. Von Hamburg aus gelang es ihm, die - se Forschungen zur Volksfrömmigkeit in einem die Wissenschaft übergreifen - den Kontext höchst erfolgreich fortzu - setzen, als er den Auftrag zur Gestal - tung der Ausstellung im Christus-Pavil- lon auf der Expo 2000 erhielt. Der Christus-Pavillon nahm, daran be - steht kein Zweifel, wegen der Eindring - lichkeit seiner Aussagen innerhalb des gesamten Expo-Geschehens eine hervorragende Stellung ein. Auch am Beispiel eines anderen Schwerpunkts seiner Forschungen, beim Thema Genussmittel, lässt sich Hengartners die Disziplinen und die Grenzen der Fachwissenschaft über - windender Zugriff veranschaulichen. Von einer historischen und gegen - wartsbezogenen Analyse des Tabak - konsums aus gelang es ihm, eine in - terdisziplinäre kulturwissenschaftliche Untersuchungsperspektive zur Ge - nussmittelforschung zu entwickeln. Daraus entstanden zunächst zwei rea - lisierte Buchprojekte. Nicht nur in der Fachwelt, sondern gerade auch in der regionalen und überregionalen Pres - se fand dann eine aus diesem For - schungsthema entstandene Ausstel - lung zur Genussmittelkultur (Hambur - ger Speicherstadtmuseum) große Be - achtung. Sie erwies sich konzeptuell wie visuell als eine wissenschaftlich und didaktisch überzeugende Umset - zung komplexer Sachverhalte. Dieses erfolgreiche Projekt war von einer stu - dentischen Arbeitsgruppe des Ham - burger Volkskunde-Instituts unter sei - ner Leitung realisiert worden. Vor al - lem wegen dieser Ausstellung war ihm 1999 bereits der Preis der Univer - sität Hamburg für hervorragende Lei - stungen in der akademischen Lehre (Fischer-Appelt-Preis) verliehen wor - den. Prof. Dr. Thomas Hengartner Gegenwärtig befasst sich Hengart - ner mit Urbanitätsforschung und Tech - nikforschung. In beiden Forschungsfel - dern greift er damit wiederum Themen aus zentralen kulturwissenschaftli - chen Gebieten auf. Gerade ist unter seiner Leitung ein DFG-Projekt zur Er - forschung der volksreligiösen Ausrich - tungen und Gruppierungen von Ira - nern und Iranerinnen in Hamburg an - gelaufen. Bei diesem Projekt über deutsch-iranische interethnische Be - ziehungen in Hamburg wird zugleich in Zusammenarbeit mit der Universität London ein Kulturvergleich der Le - bensverhältnisse der Hamburger Ira - ner mit den Verhältnissen der Iraner in London unternommen. Hengartners aktuelles Forschungs - interesse gilt indes vor allem der Frage nach der lebensgeschichtlichen und kulturellen Bedeutung von Technik. Die Schweizerische Stiftung für Kommuni - kation hatte zunächst zwei seiner Pro - jekte gefördert. Jetzt kann er mit den großartigen finanziellen Möglichkeiten seines Leibniz-Preises das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis ins Jahr 2001 geförderte Einzelpro - jekt (Technik als biographische Erfah - rung) fortsetzen und damit in den näch - sten Jahren diesen wichtigen For - schungsschwerpunkt ausbauen. In der Erforschung des Gebrauchs der Tech - nik in der Alltagskultur und in der Le - bensgeschichte wird in den nächsten Jahren der Schwerpunkt seiner Arbeit in Forschung und Lehre liegen. Das Volkskunde-Institut in Hamburg hat sich in zwei Jahrzehnten zu einem Zen - trum der kulturwissenschaftlichen Le - benslauf- und Biographieforschung in